Er könnte mein Vater sein

Ein rauer Wind fegt durch die Turmstraße. Der Himmel ist bedeckt mit dunklen Wolken. Die Angehörigen versammeln sich vor den massiven Türen des Kriminalgerichts Moabit. „Kaiserlicher Faustschlag ins Gesicht der Moabiter Arbeiterklasse“, wurde es früher genannt. Nach wie vor schüchtert der Bau ein und trübt die Stimmung. Von draußen, wie auch von innen erschlägt einen die Architektur. Monströse Steintreppen und Statuen lassen einen klein wirken. Nach wenigen Metern wird das Staunen vom Sicherheitspersonal unterbrochen. Der Personalausweis wird verlangt. Nachdem die Ausweiskontrolle passiert ist, wird die Kleidung, wie auch Tasche gescannt, so wie am Flughafen. Ein kurzes „Danke“, dann wendet sich der Mann im blauen T-Shirt mit der Aufschrift „JUSTIZ“ der nächsten Person zu. Die Traube an Menschen verteilt sich in Europas größtem Kriminalgericht.dav
Ein Blick auf die Karte verrät ungefähr den Weg. Der Termin von Michael G. findet im Saal 621 statt. Der Besuchereingang besteht aus einer hölzernen Tür in einem verhältnismäßig kleinen Treppengebäude. Nach kurzer Zeit ist man von einer Gruppe Justiz-Mitarbeitern umgeben. Es wirkt so, als sei man selbst der Angeklagte. Viel gesprochen wird nicht. Plötzlich kommt eine Dreiergruppe in Straßenkleidung dazu. Sofort schießt einem die Frage in den Kopf, warum sie hier sind. Dem Aussehen und Verhalten zu urteilen, handelt es sich um ein Paar und dessen Anwalt. Als beim offiziellen Beginn des Termins die Tür noch verschlossen bleibt, macht sich die Berliner Ungeduld breit. Ungefähr 20 Minuten verspätet öffnet sich die Tür und ein Mann mit Irokesen-Schnitt und Justiz-Shirt verkündet: „Die Gerichtsverhandlung beginnt!“
Alle betreten den Saal und füllen den Besucherbereich. Noch wird gestanden. Vor und hinter den Zuschauern befindet sich das Sicherheitspersonal. Auf der linken Seite ist Michael G. mit seinem Dolmetscher und Verteidiger. Auf der anderen Seite des Raumes stehen die Protokollantin, die Schöffen, der Richter und der Staatsanwalt. Der Saal besteht aus hellem Massivholz, das von Heizkörpern erwärmt wird und nun eine angenehme Stuben ähnliche Atmosphäre hervorruft, wäre da nicht die Anklage. Ernste Blicke werden ausgetauscht, dann eröffnet der Richter die Sitzung. Alle nehmen Platz.
Michael G. ist 69 Jahre alt. Er wurde 1949 in Lettland geboren und besitzt eine lettische sowie israelische Staatsangehörigkeit. Sein Wohnsitz ist Berlin. Er befindet sich seit Mitte 2018 in Untersuchungshaft und ist angeklagt, zwei Kurierreisen mit insgesamt 18 Kg Kokain von Amsterdam mit dem Zug nach Berlin Tegel und von dort mit dem Flugzeug nach Tel Aviv geschmuggelt zu haben. Derzeit wird von einer Freiheitsstrafe von sechs bis sieben Jahren gesprochen.
Michael G. macht einen gut situierten Eindruck. Seine Augen verraten, dass er eine nachdenkliche und rationale Person ist, völlig frei von Aggression und anderen negativen Emotionen. Der Richter spricht ihm zu, analytisch denken zu können. Man erkennt, dass der Angeklagte ein Mann in höherem Alter ist. Sein Rücken ist leicht gekrümmt, an den Seiten des Kopfes sind weiße Haare und das Aufstehen fällt ihm schwerer. Bei manchen kann das Gefühl aufkommen, der eigene Vater sei gerade angeklagt und es wird darüber verhandelt, wie viele Jahre er nun hinter Gittern sein wird. Das Gericht zeigt sich empathisch und vermittelt eine kooperierende Haltung.
Die Einzelheiten der Vorgänge werden geschildert. Michael G. soll jedes Kilo einzeln in ein Paket verpackt und in den Zwischenraum eines doppelten Kofferbodens versteckt haben. Beim ersten Transport handelte es sich um 6 Kg Kokain. Den Koffer, in dem sich die Drogen befanden, gab er bei der Gepäckaufgabe am Flughafen Tegel auf. Die Kurierreise erfolgte, ohne dass er aufgefallen ist. Beim zweiten Transport erhielt Michael G. Unterstützung von Josef H. Beide befinden sich in einem ähnlichen Alter, was für ein unauffälliges Erscheinungsbild sorgen sollte. Jeder hat jeweils einen Koffer mit sechs Kilogramm Kokain dabei gehabt. Wieder gaben sie das Gepäck am Schalter auf. Diesmal wurden sie jedoch erwischt. Die Polizei nahm Michael G. am Flughafen Tegel fest. Sein Komplize Josef H. konnte den Flug antreten, wurde aber am Flughafen Tel Aviv festgenommen und befindet sich nun in Israel in Gewahrsam.
Der Verteidiger von Michael G. setzt sich für eine Strafmilderung ein. Als Grund nennt er das erhöhte Alter des Angeklagten und fordert eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Das Gericht möchte sich beraten und unterbricht die Verhandlung für 30 Minuten. Der Saal leert sich. Als Besucher steht man wieder in dem kleinen Treppengebäude und wartet vor der Tür, ebenso wie die Justiz-Mitarbeiter und andere Besucher, die noch dazugekommen sind. Spätestens jetzt macht man die Erkenntnis, dass der Arbeitsalltag des Sicherheitspersonals im Kriminalgericht aus viel Zeit des Wartens besteht.
In der Pause gibt sich die Nachbarin des Angeklagten zu erkennen, die ebenfalls aus Lettland stammt und ungefähr sein Alter hat. Sie ist verspätet zu der Verhandlung dazugestoßen. Sie zeigt sich als offen und spricht über ihr Verhältnis mit Michael G. Er soll in der Vergangenheit öfters zu ihr gekommen sein, um ihr beim Singen zuzuhören und mit ihr zu Abend zu essen. Sie berichtet, dass er an der Universität in Riga, der Hauptstadt Lettlands Physik sowie Mathematik studiert und lange Zeit diese beiden Fächer als Lehrer unterrichtet haben soll. Manchen könnte nun die Serie „Breaking Bad“ in den Sinn kommen, in der ebenfalls der Protagonist ein Lehrer ist und mit dem Drogenhandel zu tun hat. Sie fügt hinzu, dass er eine längere Zeit in Israel gelebt, dort eine Familie gegründet hat und zweimal im Krieg war. Mittlerweile ist er geschieden. Seine Familie blieb in Israel, als er wegzog. Die Nachbarin ist schockiert und hätte es niemals für möglich gehalten, dass er mit Drogen handelt. Vor wenigen Jahren soll er einen Herzinfarkt erlitten haben, was an seinem gesundheitlichen Zustand gezehrt habe. Sie ist sich nicht sicher, ob er es lange im Gefängnis überstehen werde.
Die Tür öffnet sich wieder und die Besucher werden in den Saal gebeten. Diesmal sitzt ein Zeuge in der Mitte des Raumes. Es ist der Polizist, der das Kokain im Koffer entdeckt hat. Er schildert die Festnahme am Flughafen Tegel. Als Michael G. seinen Koffer am Schalter aufgegeben hat, wurden die versteckten Pakete durch den Scan sichtbar. Das Sicherheitspersonal wurde auf ihn aufmerksam. Noch war nicht klar, was sich in den Paketen befand. Durch die Sicherheitsvorgabe des Flughafens, eine gewisse Anzahl an Stichproben zu machen, entschied sich die Polizei für Michael G., organisierte sich und fing ihn ab, bevor er das Flugzeug betreten konnte. Sie öffneten in seiner Anwesenheit den Koffer und wurden fündig. 6 Kg Kokain waren im Zwischenraum des doppelten Kofferbodens eines Koffers versteckt, der sich wiederum in einem größeren Koffer befand. Laut Angaben des Polizisten soll das häufig vorkommen, dass Reisende einen kleinen Koffer in einem größeren Koffer transportieren. Was ebenfalls häufig vorkommt ist, dass Drogen von Berlin nach Tel Aviv geschmuggelt werden. Der Polizist spricht von einer Handelsroute. Aus diesem Grund werden bei dieser Strecke verstärkt Stichproben gemacht. Michael G. wurde festgenommen. Die Polizei stellte den Kontakt mit Josef H. fest und kontaktierte das Sicherheitspersonal am Flughafen Tel Aviv. Als dieser in Israel ankam, wurde auch er festgenommen.
Das Gericht bedankt sich für die Zeugenaussage und beendet die Verhandlung. Sechs weitere Termine sind geplant, um die Entscheidung zu treffen, wie lang Michael G. hinter Gittern verbringen wird. Wenn sich sein Gesundheitszustand verschlechtern sollte, ist es vielleicht der letzte Ort, den er erleben wird.

One comment

  1. Sau cooler bericht…gut gesxhrieben….war auch mal lehrer und hab nun wegen verstosses gegen das betäubungsmittelgesetz berufsverbot….wegen 1,5 gr. Mj…seit dem gehts mit meinem leben steil bergab…..fuck the system…love and peace

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